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Gedichte, Lyrik, Poesie

Erlebte Gedichte
162 Bücher



Otto Julius Bierbaum
Erlebte Gedichte . 2. Auflage 1903



Bilder von Böcklin

An Wilhelm Weigand.

I.
Die Todteninsel.

    Ganz einsam liegt im riesigen Ozean ein stiller Platz.
    Steinriesen wart die Natur mitten in salzige Brandung, Menschenhänd bauten Kammern hinein zur Ruhe der Todten. Auf dem starren Gestein, dem kalte Winde von fernher kümmerliche Ackerkrume schenkten, wächst kein Leben ausser dem Todtenbaum, der düster wilden Cypresse.
    Sie winkt, sie winkt, die dunkelgrüne Flagge des Todes.
    Im grellrothen Mantel, den kein Wind bewegt, der todt hinabfällt an dem starr gereckten Leibe, steuert ein Ferge den Leichenkahn dem dunklen Ruhethale zu.
    In weissem Linnen liegt die Leiche, lang gestreckt.
    Vom Leben draussen dringt nur ein leiser Plätscherschall matt ersterbender Wellen in diese grosse, heilige Stille.


II.
Pan im Schilf.

    Der grosse Pan ist todt! Neue Götter kamen. Trauere, heiteres Heidenthum. Der grosse Pan ist todt.
    Aber nein, - er lebt. Er stahl sich in Einsamkeit, müde der Herrschaft.
    Sinnend sitzt er im raschelnden Schilfe und freut sich der blitzenden Sonnenstrahlen, die ihn besuchen.


III.
Die Heimkehr des Schweizers.

    Ein Schweizer Landsknecht kehrte heim von seinen Fahrten in fremdem Solde.
    Nun ist er dem Rauch seines Heerdes wieder nahe und seinem Frieden.
    Ehe er einkehrt in seine niedere Hütte hält er letzte Rast am kleinen Wasserspiegel
eines Weihers.
    Im stillen Wellenaufundniedergang des Wässerchens sieht er sein ruhig gewordenes Herz und denkt der überwundenen grossen, rauhen Stürme.

IV.
Frühling.

Der Thauwind küsste die schlafende Erde wach.
    Sie hob die Fesseln de Winters mit keimenden Trieben, und sie that an die Farbe der Hoffnung, das zarte Maiengrün.
    Freiheit und Freude singen die Winde und neues Werden. In Hoffnungssinnen hütet die junge Nymphe den wieder sprudelnden Quell.
    Ein kleiner Vogel sitzt auf ihrer Linken und singt sein erstes Frühlingslied.
    Oben am Rande des Wiesenhügels tanzen Amoretten einen bunten Ringelreihen: ihre Zeit ist gekommen. Nun dürfen sie fröhlich sein. An der Quelle unten schöpft sich Frische Alter und Jugend. Ein alter schmeerbäuchiger Faun spürt schon die erste Hitze und pustet vom schnellen Lauf in der Lenzsonne. Der Junge mit dem fröhlich bewegten kurzen Ziegenschweif, der roth gesunde, wurde nicht müde in der Frühlingswärme. Ihm gab sie Durst
und Sehnsucht.


V.
Der Ritt des Todes.

    Die Herbstnacht ächzt unter stossenden Winden, die durch die Wipfel der Bäume rasen und schnelles Sterben künden. Seltsam violette Farben geistern durch die Luft, Farben der Herbstzeitlose, die des Todes Lieblingsblume ist.
    Da kommt er geritten, der Allbeherrscher, der einzige Unsterbliche, der kalte Tod.
    Eines riesigen Rappen gewaltigen Leib umzwingen die Knochenschenkel. Als zitternder Gruss des grossen Sterbens tanzen ihm entgegen die raschelnden Blätter, ein wirrer Reigen ohne Fröhlichkeit.
    Es wanken die Mauern; der Mörtel, der lange sie hielt, zermorscht: Moder duftet, wo der Tod reitet.
    Grellzuckendes Licht der Zerstörung glüht ihm voran, dem grossen Verderber.


  Otto Julius Bierbaum . 1865 - 1910






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