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Gedichte, Lyrik, Poesie

Erlebte Gedichte
162 Bücher



Otto Julius Bierbaum
Erlebte Gedichte . 2. Auflage 1903



Aus der Suserzit

Züricher Ode, Hymne oder dergl., gespickt mit Klopstocks Ode Nr. 20.

Trübsal, Trübsal! Wehe, mein Kanapee
Schwankt wie ein Schiff im drehenden Taifunwind,
Und im Kopfe, entsetzlich! schwankt mir,
Ach, mein Hirn, als wollt' es verdunsten.
Tief in die Kissen wühl ich den schmerzenden,
Brennenden, glühenden, tobenden Kopf ein,
Stehen möcht ich auf ihm und recken
Hoch empor die Beine im furchtbar'n
Seeweinsuser-Katzenjammer.
Kater, Kater, entfleuch' elendiger,
Hebe dich weg, du struppige Bestie,
Oder ich recke entgegen das Bild dir
Salzigen Härings!

Schwapp! Er entfloh. Nur leise, krümelig
Zwickt mich's und zwackt mich's ein wenig im Haupte,
Aber der urgermanische Kraftmensch
Trägt mit Würde die kleinlichen Tücken;
Ganz besonders, wenn klassisch gebildet er
Und poetisch beflügelt sein Geist ist.
So bei mir. Erfreut durch die Katerflucht
Nacherinnerungsselig, umgaukelt
Von zwei innerlich leuchtenden Sternen
(Physisch unmöglich dünkt mich das Bild zwar.
Aber die gütige lyrische Muse
Ist nicht peinlich in derlei Dingen),
Und durchschwirrt von klingenden Versen
(Fremden, eignen), - so schreit ich im Zimmer hin
Langen Schrittes und - Klopstock verzeih' es mir! -:
Es erhebt sich in lässigen Rhythmen
Aus dem dunstigen, nebligen Mostgeist,
Der mein Hirn in schmählichen Banden hält,
So ein odenartiges Etwas.
Im Gymnasium wohleingehämmerte,
Heute schier wildgewordne Citate
Summen wie Hummeln durch diese Rhythmen, -
Ach, ich glaube, ich habe den Kater-
Teufel ausgetrieben mit dem
Beelzebub der Odendichtung!
Nicht aus dem Kopfe will mir die zwanzigste
Klopstockode, schon sicher hundertmal
Deklamirt ich mit grosser Inbrunst:
"Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht'"
Nein, hinaus auch muss dieser Beelzebub,
Weggeschwemmt muss werden das Hummelvolk
Fremder wohlgemessener Rhythmen
Und der eignen regelvergessenen.
Her, Papier, du firnschneeleuchtendes,
(Ist das Bild nicht, als wär's von J. H. Voss?)
Nimm sie auf, die kribbelnde Versbrut, nimm
Auf mein Lied auf den Zürichberg!

Mostzeit war's, und auf dem Kopfe stand
Zürich mitsammt der Züriburgerschaft,
Allen voran die dütsche Studentli. -
Schön zwar däucht mir immer der Zürichberg,
Ob er im blühenden Obstbaumschmucke,
Oder im glitzernden Schneemannmantel
Oder in bunter Herbstgewandung
Gelb und roth und grün und braun steht, -
Aber am allervortrefflichsten macht sich
Dieser brave, alte Junge,
Guckt man ihn an zur Zeit des Susers,
Wenn die Augen so ganz besonderlich
Keck-verwegen die Welt betrachten,
Und das Weltbild wundernärrisch
Ab sich spiegelt im heiteren Auge.
Seewein, junger, der du das Auge klärst,
Scharf es und jugendlich-heiter machst:
"Komm' und lehr' auch mein Lied jugendlichheiter sein!" -
Mostzeit war's, - ich sage das doppelt,
Wie man doppelt um diese Zeit sieht
Allerlei, und weil es sich wahrlich
Lohnt, so löbliche Dinge doppelt,
Dreifach und noch öfter zu sagen:
Mostzeit war's, und auf den Zürichberg
Kletterten höchst fidel wir, einige
Junge Gesellen und Meidli, Meidli -
Ach! vorzügliche Meidli waren's:
"Sanft, der fühlenden Fanny gleich",
War Johanna, eines Professors
Sinnig-echte Professorstochter,
(Logik las der Papa; wie schlief sich's
Ausgezeichnet in diesen Stunden!)
Aber "schöner, ein froh Gesicht"
Schien meinem Herzen die braune Marie;
Ausgelassen und keck wie ein Sperling,
Hüpfend und trällernd wie "Hallers Doris",
Hatte das Mädel zwei braune Zöpfe,
Hatte zwei braune lustige Augen
Und zwei rothe, kusslockende Lippen.
In den braunen Zöpfen steckten
Neckisch flatternde rothe Schleifen,
Aus den braunen Augen guckten
Närrisch lustige Liebesgeister,
Von den rothen Lippen kamen
Reizende Worte der Heiterkeit.
Lustig ist's in solcher Gesellschaft
Unter klarem, herbstlichem Himmel
Durch das raschelnde Laub zu waten,
Epheugewinde den alten, mürrischen
Waldesriesen frech zu entreissen
Und um Brust und Hut der Liebsten
Höchst galant und höchst kunstfertig
Aber vorzüglich mit ganz bedeutender
Langsamkeit herumzuwinden.
Gott! Wie sahen in solchem Schmucke
Allerliebst und höchst possirlich,
Schier mythologisch-dryadenmässig
Unsere kleinen Mädel aus!
Aber galante Ritterdienste
Werden belohnt von zärtlichen Händen,
Und nun schlingt Marie mit zarter
Hand mir riesige Epheuranken
Dito so um Hut als Brust.
Oh, gefährlich nahe Berührung
Mit den kleinen warmen Händen!
Und der Blick, der kritisch musternde,
Ob die Epheublätter auch künstlerisch
Wohl bemessen und wohl vertheilt
Meinen alten Filz umrankten, -
Dieser Blick, ach, dieser Blick hat
Meinem Herzen den Stoss gegeben:
"Schon verrieth es beredter
Sich der schönen Begleiterin."
Was verrieth's? Verrückte Dinge!
Wie verrieth's? Auf närrische Weise!
Der Verrath bestand in warmen
Eisenklammerhaftgewichtigen
Händedrücken, die durchaus nicht
Schmerzhaft waren, und im Stolpern
Auf dem Wege, den wir beide
Keines einz'gen Blicks mehr würdigten;
Weiss nicht, wie viel mal wir stolperten,
Während unsre Augen einzig
Ineinander blicken mochten,
Und wie oft ich deshalb fester
Sie zu fassen mich natürlich
Dann genöthigt sah. Das Ende
War, dass wir uns fortgestolpert
Von der übrigen Gesellschaft.

Ganz allein im rauschenden Walde .....
Links stieg herrlich empor der hohe
Eichenforst im melancholischen
Herbstgelb; tausendfältig, leise
Lösten sich die zitternden Blätter
Von den Zweigen der Riesenbäume,
Rauschten, knisterten drehend herunter -
Todtes Laub zu todtem Laube.
Rechts hinab: die gelben Wiesen,
Wirr durchsetzt von knorrigen Bäumen,
Rothen Dächern, schillernden Wassern,
Kirchthurmspitzen, Hecken, Gängen -
Wirr und friedevoll zugleich; dann
Stadt und See und Seegelände;
Drüben schwarz der alte Uetli,
Borstiger Kopf der Albisschlange,
Die sich dunkel-wellig hinzieht,
Bis in weiter, grauer Ferne
Zackig ein paar Alpenspitzen
Bläulich-weiss herübergrüssen.
Hier allein mit meinem Mädel ...
Trefflich wär's hier Zeit gewesen,
Sentimentalische Seufzer zu hauchen
Bei der Blätter heimlichem Fallen,
Oder den Weltengeist zu grüssen
In erhabenen Dithyramben,
Der von den Tödispitzen herüber
Winkt aus eisigen Einsamkeiten, -
Aber ach, aber ach, weltlich verdorben,
Ganz modern und unklopstockisch,
Fanden wir beide nicht Seufzer noch Worte,
Ob auch die Lippen nicht ganz unthätig;
Schamlos, ach, im Angesichte
Von ganz Zürich, Seeland, Üetli,
Zürichberg und Alpen-Kette,
(Wird die schwarze Tinte roth nicht?!)
Küssten wir uns gar wild und hitzig.
Eng verschlungen blickten wir selig,
Selig über die herrlichen Bilder,
Die Natur uns ausgebreitet,
Blickten uns tief dann in die Augen,
Lasen darin die schöne Deutung
Von Natur und ihrer Liebe.
Wortelos in stiller Andacht
Tranken unsre Seelen Schönheit,
Liebe, Frieden, - und des alten
Klopstocks Geist, will mich's bedünken,
War uns freundlich gegenwärtig,
Ob wir auch nicht deklamirten
Und verzückt die Arme schwenkten,
Sondern einzig fest uns drückten
(Ganz zerquetschend dich, o Epheu!)
An die übervolle Brust.
Klopstocks Geist! ... Nicht wollt ich spotten,
Da ich deiner Verse wenige
Hingestreut in dies unernste,
Sehr nachlässig rhythmisirte
Sauseweingedicht, doch Sünde,
Mein' ich, kanns' nicht sein, wenn heute
Wir als Kinder unsrer Tage
Uns nach unsrer Weise freuen,
Uns mit andren Mädchen anders
Auf dem Zürichberg vergnügen
Und auch andre Lieder singen.
Wenn auch nicht mit tausend Seufzern
Und mit thränennassen Augen,
Aber doch mit vollen Herzen
Fühlen auch wir naturverbunden
Angerührt im tiefsten Innern
Uns von Schönheit und von Liebe.
Und noch eins, da grad' ich's denke,
Und heraus will das Citirwort,
(Ohne Aufhör' molestirt's mich):
Uns auch, Vater Klopstock, glaub' es,
"Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton".
Aber Bahn und Ziel ist anders.
Aufgebaut hat sich das neue
Deutsche Reich auf Blut und Eisen,
Thatgewaltig, waffendröhnend
Geht ein neuer Geist auf Erden;
Neue Noth ist wach geworden;
Stürmische Liebe zu neuer Wahrheit,
Die kein Phantasietraum bleiben
Mag im sehnenden Menschenherzen,
Drängt und treibt in uns nach Leben,
Kampf und That und Sieg-geniesen:
Erbteil auch von dir du Sänger,
Der begrüsst die Morgenröthe
"Fränkischer Freiheit", der dem grossen
Deutschen Vaterlande aus hoffender
Seele manch' odischen Glückwunsch widmete.
Sei getrost, die Ur-urenkel
Sind nicht ganz der Art entschlagen!
Wach erhalten als löbliches Erbtheil
Haben sie treu auch das im Herzen
(Und im Gaumen, auf der Zunge,
Einige auch auf der rötlichen Nase),
Was du zart ausdrückst im Verse:
"Fröhlich winket der Wein".
Zwar, es haben die trefflichen Münchner
Bräuermeister, welche bescheiden
Ehemals nur isarischem Volke
Ihren wackeren Malztrank boten,
Aufgerichtet über das ganze
Vaterland die lachende Herrschaft
Ihres flüssigen braunen Brotes,
Und vieltausend Kehlen opfern
Schluckgewaltig Gambrin dem Blonden
In unzähligen Wirthshausstuben,
Aber in tausend fröhlichen Herzen
Glüht auch heute noch nicht geringe
Heisse Verehrung dem bakchischen Trank.
Auch die braune Marie begehrte,
Als wir uns satt geküsst und gesehen,
Aeusserst energisch, den Suser zu kosten,
Und wir eilten hinauf die Höhe,
Wo das "Schlössli" keck und lockend,
Weit berühmt durch Rebensäfte,
Ueber die lachende Gegend schmunzelt.
Lauter Zuruf grüsste uns Beide.
Sassen bald mitten unter den Frohen,
Die in unbegreiflicher Neugier
Kunde wollten von unserm Privatweg.
Aber wir schwiegen, nur listige Blicke
Sandte Marie aus den braunen Augen
Ueber den Rand des Glases herüber,
Und die Füsse unter dem Tische
Traten, als gälte es Orgel zu spielen.
Und fürwahr, beim heil'gen Sebastian,
Unserm herrlichen Bach, dem Meister,
Der den dicken Notenköpfen
Himmlischen Geist einhauchte, Musik war's
Wahrlich, die wir uns so erschufen.
Alle Register der Lebensfreude
Waren offen, es hing der Himmel
Voller Geigen und voller Flöten.
Schliesslich sangen auch unsere Kehlen,
Aber stellt mich auf den Kopf und
Schüttelt mich, ich weiss doch nimmer
Anzugeben, was für Lieder.
Hört' ich doch nur eine Stimme, -
Herzig weich und voll und tief klang,
So ein schöner Frauenalt, die
Stimme meines braunen Mädels,
Und vor Rührung kam ich Esel
Regelmässig aus dem Takt. - -
Abstieg dann im klaren, kalten
Mondenschein. Am Arme traulich
Hing mir meine liebe Braune,
War ein bischen still geworden,
Schlug so seltsam seelenkündend
Ihre braunen, lieben Augen
Auf zu mir, ich drückte fest sie
Mir zur Seite, Bein an Beine
(Gott verzeihe mir die Sünde!)
Schritten wir: "Mein Herzensmädel!"
Sagt ich nur. "Ach, du mein Guter'"
Sagte sie, - o herrliche Zwiesprach'.
So durch Zürich's bergige Gassen,
Lautbelebt vom Susergeiste,
Gingen wir hin zweisam alleine,
In die Augen blickten wir tief uns,
Sah'n uns bis auf den Grund der Seele,
Und erblickten im Herzen des Andern
Unser von Liebe gehegtes Bild.
Worteloses, tiefempfundenes,
Selig zufriedenes Nebeneinander!
In Mariens dunkler Hausflur
Noch ein ewiger Abschiedskuss.


  Otto Julius Bierbaum . 1865 - 1910






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